Microsoft rüstet sich mit Activision Blizzard für die Zukunft. Was bleibt für Sony? Ein Playstation-Fan denkt laut nach – und beginnt zu träumen.

Die Meldung kam überraschend. Also, so wie in total, absolut, wahnsinnig überraschend. Und verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Microsoft kauft den Publisher Activision Blizzard für nahezu 70 Milliarden Dollar! Beziehungsweise beabsichtigt zu kaufen, denn auch wenn die beiden Partner sich möglicherweise bereits handelseinig  sind, steht das letzte Wort der Behörden noch aus. Damit würden dem Windows- und Xbox-Konzern nicht nur mächtige Lizenzen wie Call of Duty gehören, sondern auch World of Warcraft, Diablo, alle ehemaligen Titel des Kult-Entwicklers Sierra, das Massenphänomen Candy Crush und sogar PlayStation-Ikonen wie Crash Bandicoot und Spyro the Dragon. Phew, das muss man erstmal wegstecken, so als Sony Gamer…

Microsoft auf Einkaufstour 

Als jemand, der seit der ersten PlayStation Sony die Treue hält und sich mit Final Fantasy VII in das Medium Videospiel verliebt hat, sind das krasse News.

Bereits nach dem Kauf von Zenimax im letzten Jahr, für immerhin sieben Milliarden Dollar, gehörten schon 23 Entwicklerstudios zu Microsoft. Mit dem Kauf von Activision Blizzard sind nun noch einige sehr bedeutende hinzugekommen. Doch auch in den Jahren zuvor war Microsoft schon auf Einkaufstour.

Angefangen hat der Aufkauf von Studios im Jahr 2001. Der Konzern erwarb Turn 10 Studios, verantwortlich für die Forza-Reihe, die heute nicht mehr aus dem Xbox-Portfolio wegzudenken ist. Nur ein Jahr später sorgte die Übernahme des legendären Studios Rare unter Nintendo-Fans für so etwas wie ein kleines Erdbeben. Immerhin war das Studio für Klassiker wie Goldeneye, Conker’s Bad Fur Day und die Banjo-Kazooie-Reihe verantwortlich. Fans befürchteten, dass nach dieser Übernahme künftig keine Titel von Rare mehr auf Nintendo-Plattformen erscheinen würden – und sie sollten damit (fast) recht behalten. Mit Ausnahme von ein paar Titeln für den Game Boy Advance bis zum Jahr 2005, produzierte Rare danach ausschließlich Spiele für die Xbox und seit 2018 auch für Windows. An seine alten Erfolge konnte das Studio bisher nicht mehr anknüpfen. Die Fortsetzungen bekannter Rare-Franchises wie Banjo-Kazooie: Nuts & Bolts erreichten nur durchschnittliche Wertungen und auch die Re-Releases von Spielen, die bereits auf dem Gamecube veröffentlicht wurden, enttäuschten hinsichtlich der Verkaufszahlen. Daraufhin entschied sich Microsoft im Jahr 2009 zu einer Umstrukturierung. In der Folge mussten viele Mitarbeiter das Studio verlassen und Rare entwickelte erstmal nur Spiele für Microsoft Kinect. Auch wenn das 2018 erschienenen Sea of Thieves (immerhin nicht mehr für Kinect) sich wieder über zwei Millionen Mal verkaufte, so konnte Rare doch nie wieder zu altem Glanz zurückfinden.

Warum an dieser Stelle so ausführlich? Weil insbesondere der Fall Rare für viele Spieler exemplarisch für ein Narrativ steht, das ungefähr so geht: Allmächtiger Konzern kauft Kult-Studio und richtet es zugrunde. An dieser Stelle zu pauschalisieren wäre allerdings nicht fair. Denn längst nicht alle Studios verschwinden nach einer Übernahme in der Bedeutungslosigkeit. Das bewies gerade erst Double Fine mit Psychonauts 2. Der Titel wurde im Rahmen der Game Awards 2015 erstmals angekündigt und kam letztlich im Jahre 2021 raus – trotz, oder eher wegen, der Übernahme durch Microsoft im Jahr 2019. Viele Fans des ersten Teils fürchteten bereits, das Spiel würde nie erscheinen. Aber es erschien und es war eigenständig und es war ein Erfolg. Double Fine konnte trotz Übernahme seine Identität bewahren.

Weitere Studios, die Microsoft im Laufe der Jahre zu seinem Portfolio hinzu fügte: 343 Industries (Halo), Mojang Studios (Minecraft) und Obsidian Entertainment (Knights of the Old Republic 2), um nur ein paar zu nennen. Diese Studios hatten bisher für verschiedene Plattformen entwickelt. Doch nun erfüllten sie noch ihre alten Verpflichtungen gegenüber der Microsoft-Konkurrenz,  als Deathloop beispielsweise vorerst exklusiv für die PlayStation 5 erschien, so kündigte Xbox-Chef Phil Spencer an, dass einige große Franchises, wie The Elder Scrolls, in Zukunft exklusiv für Systeme von Microsoft erscheinen werden. Viele Spiele werden wohl auch ihren Weg in den Gamepass finden und so Abonnenten ohne große Zusatzkosten zur Verfügung stehen. Das birgt natürlich Potenzial aber eben auch Risiken. Dazu aber später mehr.
 

Call of Duty Activision Blizzard Deal


Microsoft ist jetzt die Nummer drei unter den Games Publishern

Die Übernahme von Activision Blizzard würde Microsoft zum drittgrößten Spielehersteller der Welt machen. Vor Microsoft liegen noch Sony und Tencent. Kein Grund zur Sorge also für Sony-Fans? Die Antwort darauf lautet wie so oft: Es kommt darauf an. Sony liegt derzeit noch vor Microsoft und auch die Sony-eigenen Studios wie Guerilla Games (Horizon Zero Dawn) oder die Santa Monica Studios (God of War) produzieren hervorragende Exklusivtitel, die sich weltweit millionenfach verkaufen. Dennoch könnte für die Plattform Playstation der Verlust großer Franchises wie Call of Duty problematisch werden. Die Hauptsorge hier ist: Haben Sony Playstation Spieler in Zukunft weiter Zugang zu Microsoft-Titeln?

Auch hier das letzte Wort noch nicht gesprochen. Nur weil Activision Blizzard jetzt zu Microsoft gehört, bedeutet das nicht automatisch, dass nie wieder ein Spiel des Publishers für Sonys Konsole erscheinen wird. Immerhin erschien auch jüngst Sonys God of War für den PC. Und genauso könnten auch künftig Activision-Titel für die PlayStation erscheinen. Die Frage ist nur, welche. Der Wegfall eines großen Franchise wie Call of Duty könnte schon dazu führen, dass viele Leute, insbesondere die, die lediglich ein oder zwei Blockbuster-Titel oder nur gelegentlich spielen, auf die Xbox wechseln. Und selbst wenn Call of Duty nicht Xbox-exklusiv wird, so würde eine Aufnahme der Reihe in den Xbox Gamepass schon dafür sorgen, dass viele Leute sich den Wechsel in Zukunft zumindest überlegen werden. Bei ca. 80 Euro für jedes, im Jahresrhythmus erscheinende, neue Call of Duty  vs. die niedrigen, gleichbleibenden Abo-Gebühren für den Microsoft Gamepass durchaus nachvollziehbar.

Ist der Microsoft Gamepass die Zukunft?

Microsoft baut seinen Gamepass also kontinuierlich weiter aus. Doch ist das Abo-Modell die Zukunft des Gaming? Gewagt, hier eine gegenteilige Prognose zu geben, sind sich doch Analysten weitgehend einig, dass die Antwort hier nur “ja” lauten kann. Doch genau an dieser Stelle beginnen die Sorgen vieler Spieler, besonders der Old School Gamer und der Playstation-Fans.

Auch die finden es durchaus begrüßenswert, wenn insbesondere ältere Spiele ihren Weg in den Gamepass finden und so am Leben erhalten und auch neuen Generationen zugänglich gemacht werden. Doch gibt es auch eine andere Seite der Medaille: Was ist mit den aufwändigen Neuproduktionen? Hier könnte der Netflix-Effekt drohen: Was gut läuft, wird bis in alle Ewigkeit fortgesetzt, was nicht so gut läuft und keine große Lizenz im Hintergrund hat, wird schnell abgesetzt. Dieser rein wirtschaftlich ausgerichteten Strategie fielen, um beim Beispiel Netflix zu bleiben, schon viele Serien zum Opfer, die ich sehr mochte. Ein Spiel oder eine Marke wird sich zukünftig nicht mehr nur innerhalb seiner vielleicht etwas “nischigen” Zielgruppe beweisen müssen, sondern immer als funktionierender, “nützlicher” Bestandteil des Gamepass. Die Frage könnte also künftig nicht mehr lauten: “Kommt Spiel XY Teil 3 in seiner Zielgruppe super an und verkauft sich dort den Erwartungen entsprechend?”, sondern “Lohnt es sich, Franchise XY in den Gamepass zu integrieren, unterstützt es unsere Wachstumsstrategie?” Dadurch könnten mutige Projekten zukünftig gar keine Chance mehr haben. Und so manche Franchise wurde erst durch eine gehörige Portion Mut und die Treue der Fans groß. Ein gutes Beispiel dafür ist From Software. Während sich für das PlayStation 3-Release von Demon’s Souls im Westen kaum jemand interessierte, schaffte der Entwickler mit dem geistigen Nachfolger Dark Souls auch im Westen den Durchbruch und gehört heute zu den Studios mit den treuesten Fans. Hätte ein Dark Souls jemals das Licht der Welt erblickt, wenn der Vorgänger Demon’s Souls nur im im Microsoft Gamepass erhältlich gewesen wäre und dort von kaum jemand gespielt worden wäre? Wohl kaum.

 

Call of Duty Activision Blizzard Deal

 

Was kann Sony tun? 

Unter den Sony-Anhängern wurden spätestens nach dem Activision-Deal die Rufe laut, Sony müsse seinerseits Studios kaufen und eine Alternative zum Gamepass bieten. Das könnte funktionieren. Schließlich koexistieren Steam, GoG und der Epic Store auch mit einem ähnlichen Angebot und überwiegend sogar mit den gleichen Spielen. Ich halte es allerdings für keine gute Idee, Microsoft einfach zu kopieren. Vielleicht bin ich altmodisch und gehöre zu einer aussterbenden Generation von Gamern, aber ich bin mit physischer Hardware und physischen Kopien von Spielen aufgewachsen, und ich möchte auch dabei bleiben können.

Wenn es etwas wie den Gamepass gibt, warum benötige ich dann überhaupt noch eine Konsole? Immerhin könnte ich zum Beispiel per GeForce NOW meine Spiele einfach per App auf meinem Fernseher oder sogar meinem Smartphone spielen. Für viele ist das die Zukunft. So faszinierend der Gedanke auch ist, Millionen von Spiele ohne spezielle Hardware jederzeit verfügbar zu haben, muss ich für mich ganz ehrlich sagen, dass ich das alles nicht brauche. Über Jahre hinweg habe ich als PlayStation Plus Abonnent mehrere 100 Titel in meiner Bibliothek gesammelt. Gespielt habe ich davon die wenigsten. Sie interessieren mich einfach nicht. Daran würde auch eine gute Gamepass-Alternative von Sony nichts ändern. Für mich gilt von jeher Qualität über Quantität. Für mich steht jedenfalls fest, ich werde mir keine neue Xbox kaufen. Nicht für den Gamepass und auch nicht für die Activision Blizzard-Titel.

Sony könnte zukünftig die etwas andere Alternative zu Microsoft sein. Mit dem Fokus auf faszinierenden Einzelspielererlebnissen statt “Games as a Service” und mit gut ausgestatteten physischen Releases statt Abo und App – oder zumindest letztere nur als Alternative. Mir persönlich sind ein God of War und ein The Last of Us wichtiger als der gesamte Gamepass. Und wenn es um neue Studios geht, dann darf Sony gerne jederzeit From Software kaufen. Und noch ein paar mehr dieser Art. Ob dieser Weg ein erfolgreicher Weg für die Zukunft sein kann, kann ich nicht wissen und die meisten Analysten werden hier nur milde den Kopf schütteln. Aber träumen muss erlaubt sein. Denn was wären Videospiele ohne Träume und die Träumer? Eine ganz schön traurige Angelegenheit, zusammenfassbar in ein paar Excel-Tabellen. Und in so einer Welt möchte ich kein Gamer sein.  [ms]


Matthias Schneider (32, PR bei Ranieri)Mein Gamer-Hintergrund:

Begonnen habe ich meine Gamer-Karriere in der 16-Bit-Ära mit einem Sega Megadrive, also noch lange bevor Microsoft auf den Konsolenmarkt drängte. So richtig los ging es für mich aber auf der PlayStation und mit Final Fantasy VII. Der Moment, als ich dieses Spiel zum ersten Mal erlebte, war für mich der Moment, in dem ich mich definitiv in das Medium Videospiel verliebte. Seitdem halte ich Sony die Treue und habe jede folgende PlayStation bereits zum Release besessen.

Im Juni 2017 habe ich mein Volontariat bei Ranieri angefangen und betreue dort die Kunden Bosch, Kensington, NVIDIA, PUGB, Quantic Dream und realme. Da mir Games und Technik schon immer sehr am Herzen liegen, habe ich mich im Profil der Agentur sehr gut wiedergefunden.