Seit einigen Tagen melden viele Medien, dass Facebook jetzt auszöge, den Gaming-Markt aufzumischen. Oder ähnliches. Was ist da dran? Ist Facebook im Gaming-Kontext überhaupt relevant? Und wenn ja, für wen?

Auf den Seiten zahlreicher News- und Tech-Magazine ist von der „Facebook-Gaming-Offensive“ zu lesen. Nur dedizierte Gaming-Fachmagazine, sowohl aus dem B2C- als auch B2B-Bereich wie PC-Gamer, GameStar, GamesWirtschaft, IGN oder Game Informer hielten sich auffällig zurück und brachten entweder gar nichts zu dem Thema, oder, wie der GamesMarkt, eine kurze, sachliche Meldung. Denn eigentlich hat Facebook lediglich eine komfortable App für ihren schon 2018 eingeführten Game Streaming Hub, erreichbar im Browser unter FB.gg, veröffentlicht. Die App gibt mobilen Nutzern komfortablen Zugriff auf den Service, fasst  die Features übersichtlich zusammen und vereinfacht und erweitert das Angebot. Der Start ist bisher ein Erfolg, bis zum 29.04.2020 haben über 50.000 Nutzer die App installiert und mit durchschnittlich 4,5 Sternen bewertet — das ist für einen Neustart beachtlich. Da uns bei Ranieri Gaming einige Anfragen zu dem Thema erreichten, hier ein kurzer Abriss zum Stand der Dinge.

Zwei Welten: Facebook Gaming im Browser und auf Mobilgeräten

Facebook Gaming heißt die App, die am 19.04.2020 für Android-Mobilgeräte erschienen ist, für den Apple App Store wartet man bei Facebook noch auf die Freigabe durch Apple. Dieser hastige Launch ist kein Zufall, geplant war die App eigentlich erst für den Juni 2020. Da aber die Zeiten für sowohl das Spielen, selber Streamen als auch das Anschauen von Games-Inhalten, gerade besonders günstig scheinen (schließlich sitzen ja fast alle zuhause), wollte man diesen Slot nicht verpassen und startete schon jetzt unter dem von der WHO ausgegeben Hashtag #playaparttogether.

Den eigentlichen Facebook-Bereich, in dem man Spielinhalte anschauen oder veröffentlichen und bestimmten Streamern oder Inhalten folgen kann, launchte Facebook schon 2018. Im letzten Jahr integrierte das soziale Netzwerk dann Facebook Gaming als einfach zugänglichen Tab innerhalb der regulären App auf allen Smartphones und Tablets, in Deutschland zugänglich unter dem Punkt „Spiele“ im Hauptmenü jeden Anwenders.

Auf dem PC oder Laptop dagegen , findet sich im Browser unter dem Punkt „Spiele“ lediglich eine große Auswahl an meist populären Mobile Games von Schach über MOBA bis hin zu Barbie Fashionistas, aber keine Streaming-Optionen. Um zum Streaming von Games-Inhalten zu gelangen, muss man auf dem PC zur separaten Website facebook.gg oder kurz fb.gg navigieren.

Was geht mit der Facebook Gaming App?

So weit, so verwirrend. Was also will Facebook hier erreichen und welche Rolle spielt der April-Launch der Facebook Gaming App?

Das Streamen von Games-Inhalten, also das „Hochladen“ und Kommentieren des eigenen Spielerlebnisses ist längst ein Milliardengeschäft. Den Markt teilen sich die Platzhirsche Twitch und Youtube mit beeindruckenden Marktanteilen von 61 und 28 Prozent (Zahlen 2019). Facebook konnte hier zwar in den letzten zwölf Monaten um respektable 100 Prozent zulegen, ist aber mit überschaubaren  8,5 Prozent abgeschlagen auf Platz drei. Platz vier belegt übrigens, für viele etwas überraschend, mit nur 2,6 Prozent Marktanteil Microsofts hoffnungsvoll gestarteter Dienst Mixer. Trotz teurer Star-Transfers (z.B. des Streamers Ninja, Ende 2019 von Twitch zu Mixer gewechselt, Jahreseinkommen bei Twitch 10.000.000 Dollar; was Mixer geboten hat, ist nur gerüchteweise bekannt), ist das Streaming-Angebot des Weltkonzerns damit bisher ein veritabler Flop.

Von diesem Kuchen will nun Facebook verständlicherweise ein größeres Stück abhaben. Und macht darum die Dienste für’s Spielen, Anschauen und selber Streamen leichter zugänglich und vereint sie in einer App. Jedoch lassen  sich mit ihr „nur“ die mobilen Versionen von populären Core Games wie PUBG, Call of Duty und League of Legends (LoL) spielen oder streamen. Anschauen kann man dagegen auch alle PC- und Konsolen-Streams. Selber streamen geht von diesen Plattformen nach wie vor nur über fb.gg.

Streaming-Weltherrschaft: Kann das gelingen?

Für Spieler, die hauptsächlich Casual- oder Mobile Games spielen und die keine Lust auf Hardwarekonfigurationen haben, kann die Facebook Gaming App eine einfach zu fahrende Abkürzung auf dem Weg zum ersten eigenen Stream im Internet sein. Und da die Facebook Gaming Community im Vergleich zu Twitch oder Youtube noch recht überschaubar scheint, rechnet sich mancher vielleicht sogar bessere Chancen auf dem Weg zu ewigem Ruhm oder zumindest einer ersten Monetarisierungspartnerschaft über  Facebooks Partnerprogramm Facebook Gaming Creator Program aus, um mit seinen Gaming-Inhalten auch Geld zu verdienen.

Angesichts der riesigen user base — 2,5 Milliarden Menschen tummeln sich jeden Monat auf Facebook — scheinen auch die Wachstumschancen des hauseigenen Gaming-Sektors und seiner Community nahezu unendlich. Das gelobte Land für Streamer, Publisher und Werbetreibende also? Vielleicht. Denn Core Gaming und andere Nerd-Communities ticken nach ihren eigenen Regeln und Werten. Da ist leichte Zugänglichkeit zwar gern genommen, im Zweifel aber lange nicht so wichtig wie das gute Gefühl, der richtigen, authentischen Gemeinschaft Gleichgesinnter in einer auf maximale Interaktion und Transparenz ausgerichteten Umgebung anzugehören. Und da, beim Community-Aspekt und der Glaubwürdigkeit der Plattform, da macht Twitch eben immer noch niemand etwas vor, und das wird auch noch einige Zeit so bleiben.

Wer aber Zielgruppen außerhalb des Kern-Twitch-Universums sucht, junge, frische, stark wachsende Zielgruppen, für den ist Facebook Gaming mit seinen Facetten von Core- bis Casual plus den Synergie-Effekten mit der Haupt-App eine spannende Option, die es wert ist, mindestens genau beobachtet zu werden.

((Bildquelle: Twitter @facebookgaming))

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